Aufruf an MusikerInnen und AktivistInnen: Straßenmusik im öffentlichen Raum bedroht!

Liebe musikalische KollegInnen,

ich schreibe Ihnen diesen Brief in der Überzeugung, dass Sie der Inhalt dieses Schreibens zwar nicht betroffen machen wird, Sie aber dennoch betrifft. Vor wenigen Tagen musste ich in den Oberösterreichischen Nachrichten lesen, dass in Steyr die Straßenmusik ab sofort stark reglementiert wird, so dürfen Straßenmusiker nur mehr dienstags und donnerstags am Vormittag und Nachmittag (je ein paar Stunden) und samstags nur am Vormittag auftreten. Dass diese bereits am 15.05.2014 durch den Steyrer Gemeinderat getroffene Entscheidung demokratiepolitisch bedenklich ist, muss ich wohl nicht betonen.

Der öffentliche Raum, der ohnehin keiner mehr ist, weil zum Raum der öffentlichen Werbung, des öffentlichen ungehemmten Kommerzes verkommen, wird also weiter beschnitten. Eine Gesellschaft, die die öffentliche Kunst ihrer Straße, die Straßenkunst, nicht mehr schätzt, hat sich nicht einmal die eigene entsetzliche Hochkultur, das tiefste, das die heimische Kulturproduktion je hervorgebracht hat, verdient. Eine Stadt, die ihre Straßenmusiker verachtet, wird unausweichlich im eigenen Hochmut, Produkt der eigenen Hochmutkultur, versinken. Gegen Hochmut hilft bekanntlich der beste Hochwasserschutz nichts. Der Nebeneffekt des gewünschten Haupteffektes (Reglementierung des öffentlichen Raumes, Startschuss zur Vernichtung des letzten Restes an Menschlichkeit) ist selbstverständlich ein unangenehmer: durch diesen Beschluss haben real existierende Personen zu leiden, wie etwa der bulgarische Profi-Akkordeonist Valentin Konecovsky, der seit Jahren in der Steyrer Innenstadt spielt und nicht nur seinen Lebensunterhalt, sondern auch den seiner zwei Kinder und seiner Frau, die im bulgarischen Vratsa wohnen, damit verdient. Jetzt verdient er nur mehr die Hälfte. Hier wurde berichtet.

Die Partei der Einzelfälle, wenn es um das „Liebäugeln“ mit dem Nationalsozialismus geht, die FPÖ, hat für diesen Einzelfall nichts übrig: „Einzelschicksale sind natürlich bedauerlich, aber die Verordnung ist im Gemeinderat klar entschieden worden.“ Als wahrscheinlich nicht einmal bedauerlich schätzt diesen Einzelfall, der ja keiner ist, die SPÖ ein, die das „sozial“ in ihrem Namen vor „demokratisch“ versteckt, um ja nicht sozial oder demokratisch sein zu müssen. Jetzt gilt es, als (angehende) Berufsmusiker, die wir teils von Geldern aus öffentlicher Hand, sei es als Musikpädadogen mit fixem Gehalt oder als freischaffende Künstler mit staatlichen Zuschüssen, leben, Solidarität – nicht nur in diesem Einzelfall – mit den KollegInnen, deren Existenzen durch die Würgegriffe der gleichen öffentlichen Hand bedroht sind, zu zeigen. Eine Ausnahmeregelung für Herrn Konecovsky zu fordern, klingt recht nett und ist auch angebracht. Was aber gelingen muss, ist ein öffentliches (sprich: mediales) Infragestellen der Sinnhaftigkeit dieser Regelung. Dies könnte etwa mit einem offenen Brief, unterzeichnet von sämtlichen Landesmusikschuldbediensteten, MusikstudentInnen und namhaften freischaffenden KünstlerInnen gelingen. Vorschläge sind willkommen, Antworten auf jeden Fall angebracht.

Konzertplakat 3.11.2014

Abendkonzetr in Steyr am 3.11.2014

Herzliche Grüße, Paul Schuberth

Mittlerweile gibt es eine Online-Petition dazu. Wir rufen auf, diese zu unterzeichnen!

Und die Initiative hat eine eigene Homepage: http://www.fuer-freie-strassenmusik.at/

(Paul Schuberth arbeitet bei der Plattform Wir wollen es anders mit. Ein weiterer Text von ihm zum Thema findet sich hier)

Nachtrag (23.10.2014): Mittlerweile wird in Steyr eingelenkt. Bald soll Straßenmusik dort wieder legal sein. Doch die FPÖ sperrt sich dagegen, und beschwert sich über eine „kleine Gruppe„, die in dieser Sache agieren würde.

One comment
  1. Bettelverbote sind inhuman.
    Und Straßenmusik ist nicht einmal „betteln“, sonst wären nämlich Wahlveranstaltungen im öffentlichen Raum ebenfalls „betteln“.
    Aufruf an alle PolitikerInnen der Stadt Steyr: Das Musizierverbot ist völlig unsinnig und muss wieder weg. Wer der FPÖ ständig nachgibt oder ihr womöglich in vorauseilendem Gehorsam „den Wind aus den Segeln nehmen will“, wird irgendwann selbst zum reaktionären Schlumpf!

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